Die deutschen ESA-Astronauten Alexander Gerst und Matthias Maurer waren bereits auf der Internationalen Raumstation (ISS), Mitglied der ESA-Astronautenreserve Amelie Schoenenwald trainiert für einen möglichen Aufenthalt im All. (© DLR)
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VOR ORT IN BREMEN

Interview mit den ESA-Astronauten Dr. Alexander Gerst, Dr. Matthias Maurer und dem Mitglied der ESA-Astronautenreserve Dr. Amelie Schoenenwald

Welche Botschaften sollen von der ESA-Ministerratskonferenz hier in Bremen ausgehen?

Gerst: Momentan sind wichtige Tage für Europa im Weltraum. Wichtige Entscheidungen stehen an, darüber, wie sich Europa positioniert, wie wir die Erde und das Klima besser schützen können, Forschung und Technologie voranbringen und unsere Autonomie und Wettbewerbsfähigkeit stärken. Und nicht zuletzt, und das liegt mir besonders am Herzen, haben wir die nächsten Generationen von jungen Forscherinnen und Forschern, Astronautinnen und Astronauten, Ingenieurinnen und Ingenieuren, Technikerinnen und Technikern im Blick, die in 15 oder 20 Jahren entscheiden, wo und wie sie ihre Zukunft gestalten. Ihnen möchten wir eine Perspektive geben und sie inspirieren.

Maurer: Auf dieser ESA-Ministerratskonferenz entscheiden wir über die Zukunft Europas. Welche Rolle will Europa in Zukunft im Weltall spielen? Welche Dienstleistungen können wir den Menschen aus dem All für das Leben auf der Erde liefern? Wir entwickeln Technologien, wir legen anspruchsvolle und inspirierende Missionen in die Tiefe des Weltalls fest. Und natürlich sprechen wir auch über Astronautenmissionen.

Schoenenwald: Die Tatsache, dass die ESA-Ministerratskonferenz in Bremen stattfindet, zeigt, wie wichtig Raumfahrt in Deutschland ist und welchen Stellenwert sie für unsere Politik hat. Aber das schöne ist, dass diese Erkenntnis und dieser Enthusiasmus über Ländergrenzen hinweg gehen: Hier bei der Ministerratskonferenz kommen die ESA-Mitgliedsstaaten zusammen, um gemeinsam über die Zukunft der Raumfahrt zu entscheiden. Ich sehe, dass wir kollaborieren und Partnerschaften eingehen. Das ist ein super Zeichen für die Stärke von Europa.

„Raumfahrt wird in Deutschland nicht mehr infrage gestellt,
und das ist sehr positiv.“

ESA-Astronaut Alexander Gerst

Alexander Gerst und Matthias Maurer zusammen mit Bundesministerin Dorothee Bär während einer Verhandlungspause (© DLR)

Selbst hier in Bremen, wo die Raumfahrtexperten sozusagen unter sich sind, sorgen Sie, die Astronautinnen und Astronauten für Raunen, wenn Sie auf der Bildfläche erscheinen. Ist das ein schönes Gefühl?

Gerst: Es zeigt, wie wichtig den Menschen der Weltraum ist und was für eine Faszination er ausübt. Und wer kennt das nicht: Wer stand nicht schon einmal unter dem Nachthimmel, hat hochgeschaut und gedacht: Boah, was ist da draußen, wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Man stellt sich die großen Fragen. Und dann merken wir, dass das ein bisschen auf uns projiziert wird.

Maurer: Als Astronauten merken wir, dass wir einen Traum verkörpern, denn viele Menschen träumen davon, ins All zu fliegen. Nur wir Astronauten haben den Luxus, das auch machen zu können. Das ist etwas, was uns begleitet. Natürlich ist man in der Vorreiterrolle, man gehört zu den Ersten, die da rausgehen und erkunden. Man ist sozusagen der Fahnenträger. Das kommt mit einer Verantwortung daher, das ist klar.

Schoenenwald: Ich weiß noch genau, wie es sich für mich angefühlt hat, als ich zum allerersten Mal einen Astronauten live gesehen habe. Wir waren im gleichen Raum bei einem Vortrag und ich bin mit Freudentränen rausgegangen, weil ich so berührt war. Ich weiß in meiner aktuellen Rolle auch ganz genau, welche Verantwortung damit einhergeht. Ich nehme diese Verantwortung an: Ich lebe dafür und will das einfach teilen mit allen, die davon inspiriert werden.

„Wir bringen Hightech,
wir bringen Zukunftstechnologie.“

ESA-Astronaut Matthias Maurer

Die Bedeutung und der Nutzen von Raumfahrt kommen immer mehr im Verständnis der Menschen an, oder?

Gerst: Raumfahrt wird in Deutschland nicht mehr infrage gestellt, und das ist sehr positiv. Die Leute wissen, dass Raumfahrttechnologien und alles, was damit zusammenhängt, in der Mitte einer jeden modernen Gesellschaft angekommen sind, dass unser Leben nicht mehr ohne machbar ist, und da gehört Exploration mit Menschen natürlich auch dazu. Und neben Aspekten wie der Weiterentwicklung von Technologien, neuen Entdeckungen der Wissenschaft oder wirtschaftlichen Faktoren wie Autonomie und Wettbewerbsfähigkeit ist auch die Inspiration ein wichtiger Faktor, die den Nutzen von Raumfahrt unterstreicht: der Blick eines Menschen von außen auf die Erde. Das ist eine sehr wertvolle Perspektive und vermutlich existenziell wichtig für die Menschheit.

Maurer: Das muss man wirklich im Kontext der Zeiten sehen, in denen wir leben. Es sind schwierige Zeiten, nicht weit weg von uns gibt es Krieg. Wir haben veränderte Bündnispartner. Auch wirtschaftlich ist es schwer. Alle diese negativen Nachrichten prasseln auf die Menschen ein. Die Menschen haben aber auch Sehnsucht nach Inspiration, nach etwas Positivem, nach etwas, was Hoffnung für die Zukunft gibt. Und die Raumfahrt verkörpert das. Sie lässt träumen, aber liefert auch. Wir bringen Hightech, wir bringen Zukunftstechnologie. In Europa sind wir einfach ein Zukunftstechnologieland, und das können wir nur beibehalten, wenn wir in das Neue investieren, und da ist die Raumfahrt 100 Prozent richtig mit dem, was wir anbieten und was wir liefern.

Schoenenwald: Was ich auf alle Fälle merke ist, dass in den vergangenen Jahren viel mehr Bewusstsein dafür da ist, dass Raumfahrt sinnvoll und für die Menschen wichtig ist. Ob Kommunikationssatelliten und Navigation oder Forschung und Innovationen, die im Weltraum gemacht werden: Das ist wichtig für uns alle und ich merke, dieses Umdenken ist da.

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Was sind Ihre persönlichen Ziele mit Blick auf mögliche Missionen?

Gerst: Wir im Astronautenkorps richten unseren Blick gerne nach draußen, schauen in die Zukunft und denken an spannende Missionen als Europäerinnen und Europäer im Weltraum. Matthias und ich würden uns natürlich beide darauf freuen, zum Mond zu fliegen, um diesen wissenschaftlich zu erforschen und dabei wichtige Erkenntnisse zurück zur Erde zu bringen. Ich glaube, das ist uns Astronauten allen gemein: Wir sind Entdeckerinnen und Entdecker und wollen Licht ins Dunkel bringen, das ist unser Beruf. Und um diese Inspiration mit der nächsten Generation zu teilen, sind wir bereit, auch viel aufzugeben.

Maurer: Ich habe drei große persönliche Ziele. Ich möchte meine besonderen Erfahrungen mit den Menschen teilen, um zu inspirieren, vor allem auch die nächste Generation. Das zweite ist, Zukunft vorzubereiten. Als ich ins All geflogen bin, war das nur möglich, weil die Generation vor mir Missionen wie diese vorbereitet hat. Deswegen ist es auch wichtig, dass Alex und ich Projekte für zukünftige Generationen vorbereiten, etwa ein weiterer Kompetenzaufbau am ESA-Astronautenzentrum in Köln mit LUNA. Und der letzte große Traum ist natürlich, dass das, was Alex und ich in LUNA üben, Wirklichkeit wird. Dass wir gemeinsam zum Mond fliegen und dort irgendwann gemeinsam den Mond erkunden werden.

Schoenenwald: Ich würde wahnsinnig gerne in den Weltraum, und mein Traum ist es tatsächlich, auf die Internationale Raumstation zu fliegen. Das wäre eine super Vorbereitung für alles, was danach kommen könnte. Aktuell definiere ich meine Mission anders. Ich arbeite gerade mit Leidenschaft daran, dass wir die nächste Generation Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, inspirieren, dass sie tolle Karrierewege einschlagen, dass sie sich trauen, Herausforderungen anzunehmen, beruflicher und privater Natur. Dass sie einfach mutiger sind in dem, wie sie leben.

„Ich würde wahnsinnig gerne in den Weltraum,
und mein Traum ist es tatsächlich, auf die Internationale Raumstation zu fliegen.“

Mitglied der ESA-Astronautenreserve
Amelie Schoenenwald

Die Bekanntgabe, dass der erste europäische Astronaut, der zum Mond fliegt aus Deutschland kommt, hat bei der Ministerratskonferenz für Schlagzeilen gesorgt. Welche Reaktion hat diese Verkündung bei Ihnen ausgelöst und warum sollten wir – mehr als 50 Jahre nach den Apollo-Missionen – mit Menschen zum Mond zurückkehren?

Gerst: Ich freue mich zunächst einmal sehr darüber, dass Europa bei diesem wichtigen Schritt dabei ist. Der Mond ist unser achter Kontinent und wird erforscht werden wie die Antarktis in den letzten 100 Jahren. Dabei werden wir wichtige Erkenntnisse zurückbringen, die irgendwann einmal überlebenswichtig für die Menschheit sein könnten: wie wir uns vor Gefahren aus dem All schützen können, wie zum Beispiel vor großen Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde oder vor Sonnenstürmen. Außerdem werden wir besser verstehen, wie die Erde entstanden ist und das Leben darauf. Und nicht zuletzt werden wir mit dem Blick eines Menschen zurück auf eine kleine blaue Erdmurmel am Mondhorizont auch die Gelegenheit haben, die Menschen zu inspirieren, über das Große und Ganze nachzudenken, und darüber wie wichtig es ist, unser Raumschiff Erde zu beschützen. Dass bei diesen Missionen auch Astronauten aus Deutschland dabei sein können, zeigt umso mehr, wie viel Potenzial Deutschland in der Raumfahrt hat!

Maurer: Der Mond ist der ideale Platz, um Forschung über den Mond selbst, die Entstehung unseres Sonnensystems sowie auch die Entstehung des Universums durchzuführen. Ein Radioteleskop auf dem Mond könnte uns erlauben, viel weiter in die Vergangenheit zu schauen, als es zum Beispiel mit dem James-Webb-Weltraumteleskop möglich ist. Wir hoffen darauf, auf dem Mond uraltes Wassereis zu finden, das vielleicht noch die organische Ursuppe enthält, aus der in der Vergangenheit das Leben auf der Erde entstand. Dann kämen wir der Frage, ob das Leben, so wie es auf der Erde existiert, im All einzigartig oder ganz normal ist, ein gutes Stück näher. Aber dieses Wasser ist auch eine Ressource, aus der ich Atemluft erzeugen oder sie als Energiespeicher nutzen kann – Wasserstoff und Sauerstoff sind ideal zum Antrieb von Raketen. Auf dem Mond kann ich Technologien entwickeln und testen: Wie erzeuge und nutze ich Ressourcen auf planetaren Oberflächen, wie baue ich aus dem Mondstaub, wie können wir unsere zukünftigen Mondforscherinnen und Mondforscher vor der Weltraumstrahlung schützen, wie erzeuge ich vor Ort Solarzellen zur Energieerzeugung, wie kann ich dort Nahrung anbauen … ? Dies alles sind essenzielle Themen, die wir beherrschen müssen, bevor wir an eine Reise zum Mars denken können. Der Mond wird also zu einem Testlabor für all unsere zukünftige astronautische Technologie.

Schoenenwald: Wir gehen nicht „zurück zum Mond“, wir gehen „weiter“: Wir wollen wieder zum Mond, um Fortschritte zu machen – in Medizin, Robotik, Materialwissenschaften, Energie und KI. Der Mond ist gewissermaßen der Schlüssel zu unserer Zukunft im All und auf der Erde. Es ist fantastisch, dass diesmal Europäerinnen und Europäer, aktuell geplant aus Deutschland, Italien und Frankreich, in einem internationalen Programm mit Technik unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen. Das öffnet Türen für uns alle. Denn internationale Zusammenarbeit ist so wichtig für Wissenschaft, Innovation und wirtschaftliche und politische Beziehungen und wir hoffen, dass unsere guten Beziehungen – auch zu anderen Raumfahrtagenturen – weiterhin bestehen bleiben. Die Verkündung, dass der erste europäische Astronaut aus Deutschland kommen soll, freut mich besonders für meine beiden erfahrenen Kollegen und ich wünsche ihnen von Herzen, dass sich diese Flugoption bald materialisiert. Wir sind dankbar für die Entscheidung der Bundesregierung und Ministerin Frau Bär, die diesen Schritt gemeinsam mit der Raumfahrtagentur im DLR möglich gemacht haben.

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