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NEUE TRÄGER AM HORIZONT

European Launcher Challenge macht Europas Zugang zum Weltraum kostengünstig und ausfallsicher – Europa braucht einen unabhängigen Zugang zum All. Vor nicht allzu langer Zeit war dieser Gedanke ausschließlich mit den Namen Ariane und Vega verknüpft. Doch mit dem Betriebsende der Ariane 5, einem unvorhersehbaren Problem mit Vega-C und einer Verzögerung bei der Entwicklung für Ariane 6 stand Europa plötzlich vor der Herausforderung, keine eigenen Trägerraketen zur Verfügung zu haben. Europa hatte vorübergehend seinen unabhängigen Zugang zum All verloren. Infolgedessen mussten europäische Nutzlasten entweder am Boden bleiben oder von außereuropäischen Raumfahrtpartnern gestartet werden.

Beispiele für bedeutende Satelliten und Missionen, die während dieses Zeitraums mit SpaceX gestartet werden mussten, sind die europäischen Navigationssatelliten Galileo, das Dunkle-Energie-und-Materie-Teleskop Euclid und die Umweltmission EarthCARE. Denn Europa hatte damals und hat aktuell keinen Startdienstleister, der solche Ausfälle puffern und kompensieren sowie die Startkapazitäten in Europa ausreichend erhöhen kann. Die auf der ESA-Ministerratskonferenz in Bremen beschlossene und von Deutschland maßgeblich vorangetriebene European Launcher Challenge soll das ändern und private Startdienstleister aus Europa auf dem internationalen Parkett wettbewerbsfähig machen. In Anbetracht der globalen Herausforderungen und eines damit verbundenen größeren Startbedarfs für sicherheitsrelevante und militärische Satelliten in Europa sowie einer wachsenden Anzahl von zivilen Starts weltweit ist es mehr als überfällig, dass Europa weitere Trägersysteme verfügbar hat.

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Auf der ESA-Ratstagung im spanischen Sevilla im Jahr 2023 geschah etwas Gewaltiges: Auf Initiative Deutschlands bahnte sich ein Paradigmenwechsel in der europäischen Raumfahrt an. Bislang wurden die Raketen Ariane und Vega institutionell – also mit 100 Prozent staatlichem Geld der beitragszahlenden Mitgliedsstaaten – im Rahmen der ESA in Auftrag gegeben und die ESA-Satellitenstarts auch nur mit diesen beiden Trägern durchgeführt. Startkosten für Ariane und Vega wurden zudem mit institutionellen Mitteln bezuschusst. Doch dann wurde in Andalusien die European Launcher Challenge (ELC) aus der Taufe gehoben.

Vom institutionellen Alleskönner zum Ankerkunden

Im Rahmen der ELC unterstützt die ESA nun Unternehmen in Deutschland und Europa bei der Entwicklung ihrer Trägerraketen und kofinanziert die Entwicklungen mit bis zu 60 Prozent. Somit tragen die Unternehmen mit erheblichem Eigenkapital zu der Entwicklung ihrer neuen Raketen bei. Dafür bekommen sie Sicherheit, denn die ESA wird frühzeitig Startdienstleistungen auf diesen Trägern buchen, um das Vertrauen von Investoren und kommerziellen Kunden weltweit zu bestärken. Die europäische Weltraumorganisation und nationale Raumfahrtagenturen werden somit in naher Zukunft zu Ankerkunden, da sie maßgeblich selbst Startdienstleistungen einkaufen werden. In der Praxis bedeutet das, dass sie nur die institutionellen Bedarfe und Anforderungen von Raketenstarts bestimmen. Zum technischen Konzept der Trägersysteme oder zur Entwicklungsphilosophie gibt es keine Vorgaben mehr – ein freiheitlicher, marktwirtschaftlicher Ansatz, der der Industrie in Europa vertraut und sich frei entfalten lässt. So können Unternehmen schnell und kosteneffizient arbeiten. Langfristig soll die ELC auf diese Weise europäische Trägersysteme etablieren, die keine finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite mehr benötigen, um so die europäische Raumfahrt kosteneffizienter sowie gleichzeitig
resilienter und ausfallsicherer zu machen.

Darwin in der Raumfahrt

Doch dafür müssen die Unternehmen sich beweisen. Zunächst wählte die ESA im Juli 2025 die fünf Unternehmen Isar Aerospace (Deutschland), Rocket Factory Augsburg (Deutschland), Maiaspace (Frankreich), PLD Space (Spanien) und Orbital Express Launch (Vereinigtes Königreich) aus, in einen Wettstreit um die europäische Trägerkrone einzutreten. Die beiden erstgenannten Firmen sind die Hauptgewinner des deutschen Mikrolauncher-Wettbewerbs, der von Deutschland im Rahmen des ESA Boost!-Programms im Zeitraum 2020 bis 2022 durchgeführt wurde. Anfang 2026 zog sich das britische Unternehmen Orbital Express Launch aus finanziellen Gründen aus der ELC zurück und offenbart damit auch gleichzeitig ein Ziel des Wettbewerbs. Die Unternehmen müssen nicht nur technologisch in der Lage sein, eine Trägerrakete zu entwickeln und zu bauen. Sie müssen sich auch als finanziell robust genug erweisen, um den Wettbewerb überstehen zu können, indem sie zum Beispiel genug Kapital aus dem privaten Sektor einsammeln – ein evolutionärer Grundgedanke des Wettbewerbs im darwinistischen Sinne „Survival of the fittest“. Nur so geht es für sie weiter im Kampf um die europäische Trägerkrone. Da es sich bei der ELC um ein meilensteinbasiertes Programm handelt, müssen die Unternehmen bis Ende 2027 demonstrieren, dass sie eine Nutzlast in einen Orbit bringen können. Haben sie diese Hürde genommen, müssen sie im nächsten Schritt bis Ende 2028 ihre Nutzlastkapazität – also das Gewicht und die Größe des zu startenden Satelliten – erhöhen oder mit gleicher Nutzlast höhere Umlaufbahnen erreichen. Ist auch dieser Schritt erfolgreich, dann ist für sie der Weg zur europäischen Trägerkrone frei – und für Europa der privatwirtschaftliche Weg ins All bereitet.

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