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VON PARIS NACH BREMEN

Deutscher ESA-Ratsvorsitz in einer Zeit geopolitischer Herausforderungen  – Als am 22. November 2022 auf der ESA-Ministerratskonferenz in Paris der Staffelstab des Ratsvorsitzes an Deutschland weitergereicht wurde, ging damit auch eine große Verantwortung einher. In einer Zeit extremer geopolitischer Herausforderungen sollte die ESA in nur drei Jahren bis zur nächsten Ministerratskonferenz 2025 in Bremen – und der Übergabe des Staffelstabs an Italien – fit für die Zukunft gemacht werden. Dabei ging es nicht alleine um die finanzielle Ausstattung der europäischen Weltraumorganisation. Es ging vor allem darum, mehr Wettbewerb in der europäischen Raumfahrt zu schaffen, die Rollenverteilung zwischen ESA und EU zu regeln sowie die Strukturen der ESA flexibler und dadurch leistungs- und handlungsfähiger zu gestalten und diese Lösungen mit allen 23 Mitgliedsstaaten zu harmonisieren. Ob und wie das gelungen ist, lesen Sie auf den folgenden Seiten.

Die deutsche Delegation, bestehend aus Expertinnen und Experten der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR und Ministerien, unter der Leitung von Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Dr. Marcus Pleyer, für Raumfahrt zuständiger Staatssekretär des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt, und Dr. Walther Pelzer, DLR-Vorstandsmitglied und Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR.

Europas Raumfahrt braucht einen schöpferischen Ansatz

Am 23. Januar 2026 hat Bundeskanzler Friedrich Merz die Bühne auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos betreten. In seiner wichtigen Rede beschrieb er die geopolitische Lage, unter der auch bereits der deutsche ESA-Ratsvorsitz 2023 bis 2025 stand:

„Wir haben die Schwelle hinein in eine neue Welt der Großmächte überschritten. In dieser Welt weht ein rauer Wind. Diese Welt wird uns Härten und Gefahren zumuten. Das spüren Sie, das spüren wir alle.“

So hat der russische Angriffskrieg in der Ukraine auch auf die Raumfahrt sicherheits- und verteidigungspolitische Auswirkungen gezeitigt. ESA-seitig wurde zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Russland in großen Missionen wie ExoMars eingestellt, die Raketenstarts der Sojus ST von Kourou vorzeitig beendet. Der Amtsantritt Donald Trumps und die entstandenen „Welleneffekte“ für die raumfahrtpolitische Zusammenarbeit haben unterschiedliche Auswirkungen in den Bereichen Exploration, Erdbeobachtung und Weltraumwissenschaft mit sich gebracht. Zwangsläufig haben in diesen Zeiten strategische Autonomie und Resilienz der europäischen Raumfahrt immer mehr an Bedeutung gewonnen, um der doppelten Herausforderung zu begegnen, einerseits auf akute Bedrohungslagen reagieren und gleichzeitig in kürzester Zeit eigene Kapazitäten in der Raumfahrt aufbauen zu müssen. Doch bei Herausforderungen ist es nie ratsam, den Kopf in den Sand zu stecken.

„Dieser Welt sind wir nicht ausgeliefert. Wir können sie gestalten. Lassen Sie uns deshalb besonnen, schöpferisch und mutig zugleich auf unsere eigenen Stärken setzen. Und genau das tun wir. Wir investieren massiv in die eigene Sicherheit. Wir machen unsere Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig. Und wir halten in Europa zusammen. Das wird uns helfen, den Zumutungen dieser neuen Zeit besser zu trotzen. Vor allem wird es uns neue Türen öffnen und neue Chancen ermöglichen“, betonte Kanzler Merz in Davos.

Dieser schöpferische Ansatz lag auch bereits der deutschen Ratspräsidentschaft zu Grunde. Dafür musste der Paradigmenwechsel zu wettbewerblichen, dienstleistungsbasierten Ansätzen gelingen – vor allem, aber nicht ausschließlich im Raumtransport. Es mussten maßgeschneiderte Ansätze bei der Standardisierung geschaffen und eine neue Risikokultur eingeführt werden. Zudem mussten auch in der astronautischen Raumfahrt und Exploration die Weichen in Richtung Kommerzialisierung gestellt werden – gerade im Hinblick auf ein Zeitalter nach der Internationalen Raumstation ISS und der kommerziellen Nutzung der niedrigen Erdumlaufbahn durch kommerziellen Gütertransport und privatwirtschaftliche Raumstationen. Und auch strukturell sollte sich bei der ESA etwas ändern. In einem Transformationsprozess sollten Beschaffungs- und Rückflussregeln überarbeitet sowie Programmplanung und -durchführung vereinfacht werden. Bei all diesen Zielsetzungen galt es zudem, die Rollenverteilung zwischen ESA und der EU im Sinne des Rahmenabkommens aus dem Jahr 2004 zu bewahren. Bei der ESA liegt dabei der Fokus auf Missions- und Technologieentwicklung, bei der EU auf Betrieb von Infrastrukturen und der Steuerung der Datenverarbeitung zur Umsetzung ihrer politischen Ziele.

Der Weg nach Bremen führte über Sevilla und Brüssel

Wegweisend hierfür waren der Weltraumgipfel in Sevilla 2023, der Weltraumrat in Brüssel 2024 und dann am Ende des Weges die ESA-Ministerratskonferenz 2025 in Bremen. Doch beginnen wir von vorne: Schon in Sevilla 2023 hat Deutschland das Thema Träger und Zugang zum All ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Zudem wurde die Bedeutung der astronautischen Raumfahrt als „Inspirator“ und das Potenzial zur Kommerzialisierung in der Exploration betont, die Priorisierung von „Green Space“ im Sinne des EU Green Deals herausgestellt sowie eine gemeinsame deutsch-spanische „Presidencies Declaration“ mit Signalwirkung bezüglich der europäischen Zusammenarbeit erstellt. Von Sevilla ging demnach ein politischer Paradigmenwechsel zu wettbewerbsbasierten Ansätzen und moderner Beschaffung bei gleichzeitiger Unterstützung traditioneller, auf Monopolen aufgebauter Raumfahrtprojekte aus.

Die Einigungen von Sevilla haben dementsprechend zur Einführung der sogenannten European Launcher Challenge (ELC) im Zuge der Ministerratskonferenz 2025 in Bremen, zur Errichtung zweier neuer Launch Pads einschließlich der Nutzungsöffnung für privatwirtschaftliche Träger bei gleichzeitiger Stabilisierung des Betriebs der Ariane 6 und Vega C geführt. Mit der ELC und der Öffnung der Startanlagen für privatwirtschaftliche Träger wird die Kommerzialisierung stark vorangetrieben und gleichzeitig die Grundlagen für eine erfolgreiche, privatwirtschaftliche Trägerindustrie in Europa geschaffen. Auch in der Exploration wurden dank eines deutschen Vorschlags die Weichen für einen kommerziellen Gütertransport (Cargo Return Service) im niedrigen Erdorbit und einer Explorationsstrategie zur Sicherstellung der Eigenständigkeit und Kooperationsfähigkeit Europas im Post-ISS-Zeitalter zur Entscheidung auf der ESA-Ministerratskonferenz in Bremen gestellt. In Sevilla wurde 2023 also schon der Grundstein zu einem schöpferischen Ansatz im Geiste von Davos 2026 gelegt.

Besprechung der deutschen Delegation bei der ESA-Ministerratskonferenz 2025

Diese deutschen Anstrengungen zum Ausbau der Kommerzialisierung und Wettbewerbs­fähigkeit der europäischen Raumfahrt wurden im Weltraumrat in Brüssel 2024 durch die Verabschiedung einer textgleichen, sogenannten EU-Ratsschlussfolgerung und ESA-Entschließung („Strengthening Europe’s competitiveness through space“) weiter gefestigt, womit ESA und EU weiterhin gemeinsam die europäische Raumfahrt gestalten. Hier wurde das Vertrauen auf Marktmechanismen und Innovationspotenzial durch Wettbewerb zu stärken noch einmal unterstrichen. Denn der Fokus wurde auf Nutzerbedürfnisse und Nachfrage gesetzt, dienstleistungsorientierte Beschaffungsansätze gestärkt, eine neue Risikokultur sowie maßgeschneiderte Ansätze bezüglich der Risikoverteilung und Vorgabe technologischer Anforderungen eingeführt, die Rolle des öffentlichen Sektors als Ankerkunde gestärkt sowie das Ziel der Mobilisierung von mehr privaten Investitionen im Raumfahrtbereich gesetzt. Der schöpferische Ansatz von Sevilla wurde in Brüssel demnach weiter ausgebaut.

Und dann kam die ESA-Ministerratskonferenz in Bremen 2025: Schon das neue, gestraffte Format, bei dem alle Entscheidungen in nur zwei halben Tagen getroffen wurden, zeigte die Ausrichtung auf eine neue, effizientere ESA. Möglich wurde dies durch frühe Zeichnungen, die gleichzeitig für mehr Transparenz sorgten. Die Transparenz wurde zudem noch vergrößert, indem die Sitzung live gestreamt und alle Ergebnisse – das sogenannte 100er-Papier – zum ersten Mal überhaupt im Internet veröffentlicht wurden. Inhaltlich stand viel auf dem Spiel. Es galt, die Großmissionen – vor allem das europäische Servicemodul ESM für Artemis, das lasergestützte Gravitationswellenobservatorium LISA sowie die Klimamission NGGM – mit Blick auf Budgetkürzungen und gefährdete Kooperation mit den USA kurzfristig zu stabilisieren. Die Weichen mussten auf die mittelfristige Stärkung der europäischen Unabhängigkeit und eine Reduzierung von Abhängigkeiten gestellt werden. Essenzielle technologische Fähigkeiten wie zum Beispiel die Produktionskapazität von kleinsten elektronischen Bauteilen mussten gestärkt werden. Die europäische Exzellenz in Zukunftstechnologien wie zum Beispiel Laserkommunikation, Quantenkryptografie, Radartechnik etc. musste sichergestellt werden. Die Initiativen für eine nachhaltige Raumfahrt im Dienst des Klimaschutzes mussten beibehalten werden. Zudem sollten starke Signale an die europäische Raumfahrtindustrie gesendet werden – zum Beispiel durch Kommerzialisierungsprogramme und Technologieentwicklungen sowie gezielte Förderung des Innovationspotenzials von kleinen und mittleren Unternehmen. Die Exzellenz des europäischen Wissenschaftsprogramms sollte erhalten oder sogar ausgebaut werden. In der Exploration sollten die Weichen in Richtung mehr wettbewerbliche Dienstleistungen sowie zur Nutzung des niedrigen Erdorbits als robotischer und astronautischer Forschungsraum nach dem Betriebsende der ISS gestellt sowie der Aufbruch zum Mond gestaltet werden. Der schöpferische Ansatz hat in Bremen demnach Gestalt angenommen.

Was am Ende bleibt

Am Ende wurde ein Rekordbudget für die ESA in Höhe von 22,3 Milliarden Euro erreicht, mit dem die Zielsetzungen in Wirklichkeit verwandelt werden können. Alle Säulen des Sevilla-Pakets wurden erfolgreich umgesetzt und damit auch eine neue Ära in der Trägerbeschaffung eingeleitet. Die ELC wurde als neues Programm ins Leben gerufen und mit mehr als 900 Millionen Euro ausgestattet – mehr als doppelt so viel, wie von der ESA erwartet wurde. Gleichzeitig wurde der laufende Betrieb der Ariane 6 und der Vega stabilisiert.

Und auch politisch gesehen hat diese Ministerratskonferenz in Bremen alle anderen Konferenzen übertroffen, denn es waren noch nie so viele Ministerinnen und Minister persönlich anwesend wie in Bremen. Auch Deutschland wurde an beiden Tagen permanent und geschlossen durch Raumfahrtministerin Dorothee Bär, Staatssekretär Marcus Pleyer und Dr. Thomas Reiter, ehemaliger deutscher Astronaut, ehemaliger DLR-Vorstand und nun neuer Abteilungsleiter im BMFTR, vertreten – trotz Beschlusswoche für den Haushalt 2026. Dementsprechend verkündete die Bundesministerin auch, dass der erste Europäer, der Richtung Mond fliegen wird, einen deutschen Pass tragen wird – eine Sensation, die direkt nach dem Verlassen des Sitzungssaals verkündet wurde.

Doch auch nach der ESA-Ministerratskonferenz geht es mit wichtigen Entscheidungen in Europa weiter. So wird Raumfahrt und Verteidigung im europäischen Wettbewerbsfond – dem sogenannten European Competitiveness Fund (ECF) – mit 131 Milliarden Euro eine gewaltig große Rolle spielen. Wie genau dieser Fond ausgestattet wird, welche Mitspracherechte die Mitgliedsstaaten haben, wie genau das Geld verteilt werden soll und ob aus dem ECF ein „schöpferischer Ansatz 2.0“ entstehen kann, wird die nahe Zukunft zeigen.

Dr. Thomas Reiter, ehemaliger deutscher ESA-Astronaut und Leiter der Abteilung Raumfahrt und Sicherheit im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, im Gespräch mit Dr. Walther Pelzer, DLR-Vorstandsmitglied und Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR

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